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St.-Martin - Das neue Kostüm

Erstmals am Martinstag 2019 trägt der Mülheimer St.-Martin seine neue Uniform - sein neues Kostüm.

Die Kostüme, die die Mülheimer St.-Martin-Darsteller erstmals seit November 1957 trugen, waren reine Phantasie-Kostüme. Diese wurden aufwendig und mit viel Liebe zum Detail entworfen und extra für den jeweiligen Träger geschneidert. Prunkstück des Kostüms war von Anfang an - und ist bis heute - der wunderschöne Mantel aus dunkelrotem (und fast unverwüstlichem) schwerem Samt.
Doch auch wenn die Kostüme an nur einem Tag im Jahr - bzw. seit 1994 an zwei Tagen, rechnet man den Martinsmarkt im Gewerbepark mit - getragen wurden, leiden sie mit der Zeit unter der Belastung durch das Reiten und durch die Witterungseinflüsse in der kalten und nassen Jahreszeit. - Zeit also für ein neues Kostüm!

Dieses neue Kostüm ist nun kein reines Phantasieprodukt mehr. Bei der Auswahl der einzelnen Uniform-/Kostümteile haben wir uns an orginalen Vorbildern aus der Zeit des heiligen Martin orientiert. Natürlich spielen auch hier die eigene Phantasie und die 'künstlerische Freiheit' noch eine große Rolle. Aber wir nähern uns mit dem neuen Martinskostüm recht nah an die Uniform an, die römische Soldaten und Offiziere in der Zeit des großen Heiligen von Anfang bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts getragen haben dürften. Verzichtet haben wir dabei allerdings auf eine lorica hamata (röm. Kettenhemd) oder lorica squamata (röm. Schuppenpanzer). Dieser würde den heutigen Martins-Darsteller bei seinem ganztägigen Ritt durch Mülheim zu sehr behindern.

  • Besonders auffallend ist der Helm. Hierbei handelt es sich um eine aufwendige Rekonstruktion eines spätrömischen Kavalleriehelmes der bei Deurne, Holland bei Ausgrabungen gefunden wurde. Die reichhaltigen Verzierungen lassen darauf schließen, dass der Träger ein sehr ranghoher Offizier war. Eine neben dem Helm ebenfalls gefundene römische Münze trägt die Jahreszahl 319 (also etwa 3 Jahre nach der Geburt Martins), somit stammt der Helm höchstwahrscheinlich aus dem frühen 4. Jahrhundert.
  • Dazu kommt die Replik einer spätrömischen Tunika, der sog. Tunica Manicata, die mit typisch römischen Motiven bestickt ist. Vorbilder hierfür finden sich auf zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen und Steinreliefs.
  • Auch der dazu getragene Gürtel ist die Replik eines spätrömischen Soldatengürtels (Cingulum) eines Centurios, des Offiziers einer Hundertschaft der römischen Legionen. Der Gürtel besteht aus ca. 3 mm starkem, braunem Rindsleder und ist mit spindelförmigen Messing-Zierbeschlägen und einer mehrteiligen, massiven Gürtelschließe besetzt. Außerdem am Gürtel befestigt sind zwei Messingringe mit Halterung, an welchen ein Dolch (Pugio), ein Schwert (Gladius oder Spatha) oder eine Gürteltasche getragen werden kann.
  • Der Dolch (Pugio) in hölzerner Scheide mit Lederbezug und Beschlägen aus Stahl und Messing wiederum ist einem Fund aus spätrömischer Zeit im Römerkastell bei Künzing (Niederbayern) nachempfunden. Der Fund wird auf das 3. Jahrhundert datiert.
  • Das Schwert (Gladius oder Spatha) ist ebenfalls Originalfunden aus Süddeutschland nachempfunden und zeitlich im 3. Jahrhundert anzusiedeln. Die Klinge des Schwertes ist aus Stahl geschmiedet. Der Griff besteht aus Knochen und Messing. Die Holzscheide ist wie beim Dolch mit Leder überzogen und mit authentischen Messingbeschlägen versehen.
  • Dazu trägt St.-Martin typische römische Soldatenstiefel (Caligae), wie sie von römischen Legionären getragen wurden. Sie bestehen aus 3mm starkem Leder und haben eine genagelte Sohle. Bei schlechter/kalter Witterung kann St.-Martin anstelle der Caligae auch geschlossene Lederstiefel tragen, wie sie in spätrömischer Zeit durch die Soldaten der Legionen getragen wurden.
  • Der aus reiner Wolle handgearbeitete rote Legionärsmantel (Paenula) ist (zugegebenermaßen) nicht mehr so schön, wie der bisher getragene Samtmantel, hat jedoch ebenfalls Vorbilder auf zeitgenössischen Bildern und Reliefs. Gehalten wird der Mantel durch eine römische Zwiebelkopf-Fibel (fibula), wie sie als Gewandschließe in der Spätantike hauptsächlich an der Soldatenkleidung, aber auch durch höhere Beamte getragen wurde. Die Fibel ist aus Bronze.
  • Mit der getragenen dunkelbraunen Wollhose und den dunkelroten Wadenwickeln entfernen wir uns etwas von den römischen Vorbildern. Vorlagen hierzu wurden bei Ausgrabungen im Thorsberger Moor in Schleswig-Holstein gefunden. Zeitlich datieren sie ebenfalls ins 3. und 4. Jahrhundert, haben allerdings eher germanische Ursprünge. Doch die Hosen (Bracae), die die römischen Soldaten in dieser Zeit trugen, hatten ein sehr ähnliches Aussehen. Zudem stammen besonders in späterer römischer Zeit in den Nordprovinzen des römischen Reiches viele Soldaten aus dem germanischen Kulturkreis.

Sie sehen also: etwas Phantasie spielte bei der Zusammenstellung des Kostüms sehr wohl eine Rolle. Aber die Vorlagen für alle Einzelteile stammen aus der Zeit des heiligen Martin und wir können uns das Aussehen des Heiligen zu seiner Zeit als Offizier zumindest so ähnlich vorstellen, wie er erstmals im November 2019 am Martinstag in Mülheim-Kärlich dargestellt wird.